Die Re-Zertifizierung ist erteilt! „Hoch die Tassen“ – ein Grund zu feiern!? Ja, aber ganz so einfach – sehe ich das nicht! Der Zertifizierung und den regelmäßigen Re-Zertifizierungen stehen ein enormer zeitlicher Aufwand und auch Kosten gegenüber. Als kleines, unabhängiges Unternehmen, müssen wir uns mit äußert knappen Ressourcen auf einem schwierigem, umkämpften Markt behaupten. Ich muss daher auch die Frage stellen, was der Nutzen des CSR-Siegels für biss Aktivreisen überhaupt ist. Es geht in diesem Beitrag um die Fragen:

Was für ein Versprechen steht für Unternehmen hinter dem Siegel? Wie stehen wir zu den moralischen Vorstellungen? Werden unsere Reisen durch das Siegel nachhaltiger? Bekommen wir mehr Kunden durch das CSR-Siegel? Warum haben wir uns zertifizieren lassen?

Die moralischen Ansprüche des CSR Siegels von TourCert –  wie stehen wir dazu?

Ohne näher auf die Details, die Vorstellungen, die hinter dem CSR-Siegel von TourCert stehen einzugehen, können wir sagen, dass wir die grundsätzlichen Vorstellungen voll und ganz teilen. [DieTourCert gGmbH hat uns zertifiziert und ist eine gemeinnützige Organisation für Zertifizierungen im Tourismus. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, ökologische, soziale und ökonomische Unternehmensverantwortung im Tourismus zu fördern. Gesellschafter sind unter anderem die Naturfreunde, kate – Umwelt und Entwicklung in Stuttgart, Tourism Watch sowie der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde.]

Die Basis der CSR Zertifizierungsidee stammt ursprünglich vom alternativen Reiseveranstalterverband forum anders reisen (far), dem wir mit voller Überzeugung seit fast 20 Jahren angehören.

So haben wir im Zuge der CSR-Zertifizierung auch ein Leitbild formuliert, hinter dem wir stehen. Dort heißt es z.B.:

Wir streben eine Tourismusform an, die langfristig ökologisch tragbar, wirtschaftlich machbar sowie ethisch und sozial gerecht für lokale Gemeinschaften sein soll. Konkret bedeutet dies, dass wir unsere Reiseangebote möglichst nachhaltig konzipieren. Als Mitglied des „forum anders reisen“ dient uns dabei der Kriterienkatalog dieses Verbandes als Handlungsrichtlinie. In unserer Geschäftstätigkeit streben wir nicht den maximal möglichen, sondern einen angemessenen Gewinn an. Wichtig ist uns vielmehr eine möglichst hohe lokale Wertschöpfung in den Reiseländern. Da unsere Reisegebiete weiter entfernt liegen, gibt es zur Fluganreise meist keine realistische Alternative. Wir sind uns dieser Problematik bewusst und fördern daher aktiv die Klimaschutzinitiative „atmosfair“Uns ist bewusst, dass die Umsetzung von Nachhaltigkeit ein Prozess ist. Es ist schwer zu definieren, wie eine Reise zu 100 % nachhaltig gestaltet werden kann. Deshalb ist es für uns wichtig, unser Handeln immer wieder aufs Neue zu hinterfragen. Mängel und Defizite sind für uns Anlass, nach neuen Wegen und Strategien zu suchen, um Verbesserungen zu erreichen.

Werden unsere Reisen durch das Siegel nachhaltiger?

Eine grundsätzliche Überzeugung ist die eine Sache. Aber helfen der Zertifizierungsprozess und das Siegel tatsächlich, der Umsetzung dieser Vorstellungen näher zu kommen? Hier wäre ein klares „Ja, aber“, oder ein „Jein“ aus meiner Sicht die richtige Antwort.

Zunächst sind unsere Überzeugungen viel älter als das Siegel. biss Aktivreisen hat in den 15 Jahren, bevor wir das Siegel erhalten haben, im Grunde die gleichen Reisen angeboten. Wir haben z.B. die Klimakompensation als einer der ersten deutschen Reiseveranstalter über den seriösesten deutschen Anbieter atmosfair bereits 2004 in unseren Buchungsprozess integriert – also sechs Jahre bevor wir das Siegel erhalten haben. Ebenso lange unterstützten wir aktiv die Fahrt zum Flug mit der Bahn und raten vor allem aus ökologischen Gründen von innerdeutschen Zubringerflügen ab.

Ein respektvoller, partnerschaftlicher Umgang auf Augenhöhe, dem eine Win-Win-Grundvorstellung zu Grunde liegt, gehört bei uns schon immer zu einer Selbstverständlichkeit. Dieser bezieht sich natürlich ebenso auf den Umgang mit Partnern, Reiseleitern und Mitarbeitern, wie auf normale Begegnungen in den Reiseländern.

Was hat sich durch das CSR-Siegel geändert?

Durch das Siegel haben wir uns immer wieder mit den Fragestellungen des CSR konkret auseinander gesetzt. Vieles ist uns sowohl theoretisch, wie auch in praktischen Handlungen bewusster geworden. Das Thema plopt immer mal auf und würde sonst im Tagesgeschäft stärker untergehen. So haben wir bei der Konzeption unserer Reisen und bei Gesprächen mit Partnern und Reiseleitern das Thema permanent im Hinterkopf. Die tatsächlichen Änderungen bei der Ausgestaltung unserer Reisen und unserem sonstigen Agieren halten sich jedoch in engen Grenzen.

Mehr Kunden durch CSR?

Um Unternehmen zu einer CSR-Zertifizierung zu bewegen, wird von der Zertifizierungsorganisation TourCert, neben altruistischen Motiven, auf Marktvorteile und die Aussicht auf mehr und zufriedenere Kunden geweckt. Ein Unternehmen, das den Prozess durchläuft und am Ende das CSR-Siegel erhält, „wird besser in allen Belangen“ und erzielt so und durch das Tragen des Siegels seinen enormen Imagegewinn. Viele neue, dauerhaft zufriedene, treue Kunden. So lautet etwas verkürzt das Versprechen für Unternehmen. 

Dieses Argument mag für manche größere Anbieter, mit „eher klassischer Art zu Reisen“ durchaus seine Berechtigung haben.

Bei uns scheint dieser Effekt kaum zu funktionieren. Bei uns scheint das CSR-Siegel nicht zu mehr Buchungen zu führen! Wir können das natürlich nicht statistisch belegen. Es gibt aber viele Indizien, die für diese Schlussfolgerung sprechen. Das Interesse bei Gesprächen am Telefon, Email oder auf Messen mit unseren Kunden am Siegel oder der gesamten Thematik ist verschwindend gering. Wir werden fast nie auf das Thema angesprochen, obwohl das Siegel in unserer Korrespondenz, unserem Internet- oder Messeautritt überall deutlich zu sehen ist. Der Zugriff auf unser Leitbild unseres Internetauftritts ist auch recht verhalten. In unserem letzten Newsletter wurde das Thema CSR behandelt. Die ebenfalls vorhandenen Reiseartikel wurden viermal so oft angeklickt wie dieses Nachhaltigkeitsthema. Das ist vielleicht auch normal. Es scheint aber auf keinen Fall so zu sein, dass unsere Kunden sich als wichtigster Punkt für das Zertifikat und unsere Nachhaltigkeitsaktivitäten interessieren und dann erst eine Reise auswählen. Sicher nehmen viele unserer Kunden das Zertifikat wohlwollend zu Kenntnis.

Warum bekommen wir nicht mehr Kunden durch CSR?

Warum der von TourCert beschriebene Effekt – „besser werden“ durch den CSR-Zertifizierungsprozess und dadurch am Ende mehr Kunden zu bekommen – bei uns kaum zu funktionieren scheint, kann ganz verschieden Ursachen haben, über die ich nur mutmaßen kann: Wir haben letztlich an uns und unseren Reisen kaum etwas geändert. Ich würde sagen, wir waren schon immer ziemlich gut. Kleinere Dinge, die wir angepasst haben, schlagen kaum so entscheidend bei Reiseteilnehmern durch, dass dieser Effekt zum tragen käme.

Wir haben ohnehin schon ein Image, das ökologisch-sozial-nachhaltig ist – auch ohne CSR-Siegel. Wir brauchen kein green-washing! Und wollen das auch nicht.

Alle anderen Reiseveranstalter, aus dem forum anders reisen (far), sind auch CSR-zertifiziert. Es gibt auch einige, die u.a. wegen des Aufwands der Zertifizierung aus dem far ausgetreten sind. Ihnen scheint es von außen betrachtet und nach deren eigener Aussage ohne das Siegel nicht relevant schlechter zu gehen. Viele engagieren sich dann aber in anderen sozialen oder ökologischen Projekten. Es bleibt keinen Wettbewerbsvorteil.

Für die Mehrzahl unserer Kunden ist das Siegel kein kaufentscheidendes Kriterium. Viele werden ihm keinerlei Bedeutung beimessen, andere es wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Die Gruppe, die ohne das CSR-Siegel nicht mit uns fahren würde, schätze ich zahlenmäßig als extrem gering ein. Für das Gros der Mitreisenden ist die Tour selber, die Aktivitäten, Route, Gruppengröße, Komfort vielleicht auch der Preis kaufentscheidend.

Reiseinteressierte, die sich im ersten Schritt Reiseveranstalter, die eine CSR-Zertifizierung vorweisen können, suchen und nur bei dieser eingeschränkten Auswahl nach Reisen suchen, scheint es wenig zu geben. Zumindest landen die am Ende nicht bei uns.

Warum haben wir uns zertifizieren lassen?

Nun, zunächst einmal sind wir überzeugtes forum anders reisen-Mitglied und die Mitglieder des Verbandes haben – auch mit unserer Stimme – eine Pflicht zur CSR-Zertifizierung für alle Mitglieder festgelegt. Somit standen alle far-Mitglieder vor der Wahl sich einer CSR-Zertifizierung zu unterziehen oder aus dem Verband auszutreten. Wir mussten da nicht lange überlegen, da wir die Ziele, die hinter CSR stehen, voll geteilt haben und immer noch teilen. Gehofft haben wir damals auch darauf, dass uns das Siegel neue Reisende beschert, die speziell nach nachhaltigen Veranstaltern suchen. Dem Versprechen über den Zertifizierungsprozess uns so zu verbessern, dass unsere Kunden zufriedener werden und so wiederkehren und Freunde mitbringen, habe ich von Anfang an eher misstraut.

Der Aufwand hat sich jedoch als erheblich heraus gestellt und auch inhaltlich sehe ich durchaus kritische Punkte. Hierzu und was und wie inhaltlich überhaupt geprüft wurde, wird es voraussichtlich in der Fortsetzung der Serie CSR – eine kritischen Innenansicht gehen.

Die ist ein sehr persönliches Statement und ein offener Einblick in unser Unternehmen. Bitte schreibt uns Kommentare, was ihr davon haltet und was euch interessiert. Vielleicht stimmt ihr auch mit meiner Einschätzung nicht überein oder habt Ergänzungen.

2 Kommentare

  1. Sehr schöner, offener und ehrlicher Blogeintrag. Er ist wertvoller als jedes Siegel.
    Ich war noch nie ein Freund von Schubladen und zu solchen zähle ich auch „Siegel“.
    Ich sehe es ähnlich: eine Zertifizierung, ein Siegel, bringen wenig bis nichts, demjenigen, der ohnehin schon „gut“ ist und nachhaltig denkt. Es ist reines greenwashing für die nicht so Guten der Branche. Also habe ich mich bei der Lektüre gefragt: warum also machen sie es trotzdem? Bis dann die Erklärung kam: eine Pflicht zur Zertifizierung für alle Mitglieder des FAR. Da musste ich dann lachen, denn das ist natürlich bodenloser Quatsch und eigentlich ein Grund, aus dem forum auszutreten. Sorry FAR, sowas alimentiert nur die Certifizierungs-Instanz, wertet „schlechtere“ Anbieter auf, bringt „guten“ keinen Mehrwert und schadet insgesamt dem Siegel, der Organisation, die es ausstellt und dem forum. Schönes Beispiel, wie man das, was man eigentlich erreichen und schützen will, beschädigt. – Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass Kunden, denen die inhaltliche Ausrichtung des Zertifikats wichtig sind, ein Angebot auf der Website oder dem Katalog des Anbieters gezielt danach checken oder danach fragen. Alle anderen, denen es ziemlich egal ist, werden durch das Siegel in ihrer Entscheidung nicht beeinflusst. Den wenigsten dürfte überhaupt auffallen, dass da ein Siegel ist. Man könnte es genauso gut weglassen und abschaffen.

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